Zum ersten Mal seit langem öffnet Südkorea seine Türen für chinesische Touristen – und zwar weit – ohne Visum. Vom 29. September bis Juni 2026 dürfen chinesische Reisegruppen ohne die üblichen Papiere ins Land einreisen. Das ist zwar nicht dauerhaft, aber seit fast zwei Jahren eine ziemlich große Sache.
Sie fragen sich vielleicht: Warum jetzt? Der Zeitpunkt ist nicht zufällig. Es ist alles Teil eines größeren Plans im Vorfeld des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC), den Südkorea Ende Oktober ausrichtet. Die Botschaft der Regierung ist klar: Kommen Sie, geben Sie Geld aus und verlieben Sie sich vielleicht ganz neu in die koreanische Kultur. Die Ankündigung vom Mittwoch signalisiert auch eine Wende in den Beziehungen zwischen China und Südkorea, die schon Höhen und Tiefen erlebt haben.
Nun, es ist nicht so, als wäre das aus heiterem Himmel gekommen. China hatte bereits Ende letzten Jahres den ersten Schritt getan und die Visabestimmungen für südkoreanische Staatsbürger und andere internationale Besucher gelockert. Südkorea wiederum deutete bereits im März an, dass es reagieren könnte. Ein paar Monate später sind wir hier: Pläne werden Wirklichkeit, Flüge werden gebucht, und Unternehmen bereiten sich bereits auf die Krise vor.
Die Entscheidung scheint sowohl wirtschaftliches als auch politisches Gewicht zu haben. Mit Präsident Lee Jae Myung an der Spitze – einem liberalen Staatschef, dessen außenpolitischer Ton sich von dem seines Vorgängers unterscheidet – weht frischer Wind durch die diplomatischen Beziehungen zu Peking. Und nicht zu vergessen: Chinesische Touristen waren schon vor der Pandemie eine wichtige Wirtschaftskraft. Ihre Rückkehr könnte dazu beitragen, Teile der Wirtschaft wiederzubeleben, die seit dem Ausbruch von COVID schwächeln – insbesondere Einzelhandel, Gastgewerbe und Kosmetik.
Der Zeitpunkt fällt zudem geschickt mit der Goldenen Woche in China zusammen, einer Hochsaison für Reisende Anfang Oktober. Das ist kein Zufall. Die Regierung will diese Touristenwelle frühzeitig nutzen, gerade als sich das Land auf das hochkarätige APEC-Treffen in Gyeongju vorbereitet. Es kursieren bereits Gerüchte über mögliche Nebengespräche zwischen US-Präsident Donald Trump und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping. Damit wird die Sache nicht nur zu einem touristischen Schachzug, sondern auch zu einem geopolitischen Wendepunkt.
Ein Blick auf die Börse verdeutlicht die Aufregung. Südkoreanische Aktien, die mit dem Tourismus verbunden sind – Kaufhäuser, Casinos, Hautpflegeriesen, Hotelketten – legten allesamt zu. Investoren setzen voll darauf, dass Lippenstift, Luxusgüter und Roulettetische einen deutlichen Aufschwung erleben werden.
Natürlich gibt es keine Garantie. Der wahre Test wird sein, wie unkompliziert und einladend das Erlebnis für diese Besucher tatsächlich ist. Visafreie Einreise ist eine Sache, aber wenn die Willkommensmatten nicht sauber sind und die Bürokratie nicht wirklich abgebaut wird, könnte sie nach hinten losgehen. Dennoch herrscht derzeit Optimismus – und an den Märkten.
Ob dieser Schritt dauerhafte wirtschaftliche Vorteile bringt oder nur einen kurzfristigen Aufschwung bewirkt, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch klar: Südkorea ist bereit, seine Nachbarn wieder willkommen zu heißen, und zwar nicht nur mit offenen Armen, sondern auch mit Hotelzimmern, zollfreiem Einkaufen und vielleicht auch einigen kulturellen Überraschungen.


